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FAZ: Interview mit Angela Merkel

Die FAZ vom 16. Mai 2014 veröffentlicht ein Interview mit Kanzlerin Angela Merkel. Dass dieses Interview, geführt von Günter Bannas und Berthold Kohler, nicht sehr konfrontativ ausfällt, verwundert nicht. Bei einigen Passagen des Gesprächs hängt einem dann aber doch die Kinnlade runter.

  • Beschönigung: Die FAZ fragt im Zusammenhang mit dem Konflikt in der Ukraine: “Muss nicht wieder mehr über die Einhegung russischer Macht nachgedacht werden …?” “Einhegen” ist ja ein netter Ausdruck – wer will schon von “Angreifen” sprechen?
  • Stimmungsmache: Es gibt aber auch Fragen, die einen kriegerischen Einsatz direkter nahelegen. So wird formuliert, ob der Nicht-Einsatz militärischer Mittel nicht ein “schwerwiegender Nachteil” des Westens wäre (anstatt einfach Krieg zu führen, will man hinzufügen). Auch stellt sich die FAZ die Frage, wie auf die Nato reagiert werden soll, die “stärkere Verteidigungsstrategien” fordert – schon wieder so ein Euphemismus für “Angriff”.
  • Verstecken: Es ist eine Kunst, Fragen so zu formulieren, dass sie nicht wie ein Vorwurf klingen. Zum Thema Sanktionen gegen Russland fragt die FAZ: “Hat das Ausmaß unserer Abhängigkeit Einfluss auf die deutsche Außenpolitik?” Frei übersetzt: “Sind Sanktionen nicht leere Drohungen, solange wir von Russlands Gasimporten abhängig sind?”
  • Relativierung: So indirekt die Frage nach dem Sinn der Sanktionen formuliert ist, so direkt unüberzeugend ist die Antwort der Kanzlerin: “Deutschlands Abhängigkeit von russischem Gas ist weit geringer als die manch anderer EU-Länder, sie liegt bei unter 40%.” Das stimmt, 40% sind definitiv eine vernachlässigbare Größe.
  • Überschattung: Die FAZ fragt, ob nun, da die NSA-Problematik dank der Ukraine-Krise in den HIntergrund gedrängt wurde, die Beziehungen zu den USA wieder in Ordnung seien. Frau Merkels Antwort überrascht durch bedingungslose Kritiklosigkeit: “MIt den Vereinigten Staaten verbindet uns eine über viele Jahrzehnte gewachsene Freundschaft und Partnerschaft. Deutschland kann sich keinen besseren Partner als die Vereinigten Staaten wünschen.” Alles in Butter, wer will schon Streit mit seinem Traumpartner, nur weil dieser mehrfach systematisch untreu war?
  • Polemisierung: Und nun noch der Knaller. Die FAZ fragt doch tatsächlich im Kontext der Ausländerpolitik der Bundesrepublik folgendes: “Wird Deutschland immer mehr zum Sozialamt Europas?” Hoppla, liebes Leitmedium, welch Gesinnung schimmert denn hier durch?
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