SZ: “Klagen über Verarmung sind unbegründet”

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht am 28. November 2013 ein Interview mit dem spanischen Wirtschaftsminister Luis de Guindos, in dem dieser unhinterfragt verkünden darf, die Zeit der Massenproteste sei vorbei. Es scheint mir, der Wunsch ist hier Vater des Gedanken.

Kritik

  • Relativierung: Die Überschrift “Klagen über Verarmung sind unbegründet” ist zwar in Anführungszeichen gesetzt, gibt aber die Meinung des Ministers völlig unhinterfragt wieder. Stattdessen könnte die Überschrift auch indirekt formuliert und damit als interessengeleitet eingeordnet werden.
  • Beschönigung: “Damals gab es weit verbreitete Zweifel, ob der Euro diese Krise übersteht. Heute gibt es diese Zweifel nicht mehr.” Diese Einschätzung ist subjektiv, soll aber offenbar suggerieren, dass diese Sicht (und Hoffnung) der Realität entspricht.
  • Ablenkung: Die zunächst verstaatlichte und mit ca. 21 Milliarden bezuschusste Bankia-Gruppe soll laut Minister möglichst rasch reprivatisiert werden. Die Journalisten stellen dann nur noch die Frage nach dem “wie” der Privatisierung (z.B. Verkauf an nicht-spanische Firmen). Es wird überhaupt nicht gefragt, ob die Privatisierung überhaupt notwendig sei nach all den negativen Entwicklungen.
  • Meinungsmache: Zum Abschluss des Interviews führt der spanische Minister die Agenda 2010 als Vorbild für die Entwicklung Spaniens an. Dass die Agenda 2010 in ihrem Effekt durchaus kritisch zu bewerten ist, wird nicht diskutiert.

Anregung

  • Hinterfragen und nachhaken: Wenn ein solches “Lobby-Interview” abgedruckt wird, sollte dies von einem Leitmedium wie der SZ hinterfragt und eingeordnet werden. Dies kann unter Anderem durch die entsprechende Formulierung der Fragen und kritisches Nachhaken erreicht werden.
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