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SZ: „Nie wieder Göttingen“ und weitere Artikel zu “die Linke” in ZEIT, SPIEGEL und FAZ

In der Süddeutschen Zeitung vom 14. Februar 2014 schreibt Constanze von Bullion zum Anlass des anstehenden Parteitages der Linken über deren Parteichefin Katja Kipping. Obwohl der Beitrag nicht auf der Meinungsseite, sondern im Politikbereich erscheint, erinnert er eher an eine tendenziöse Polemik im Stile des vielfach kritisierten Interviews von Markus Lanz mit Sahra Wagenknecht vom 16. Januar 2014.

Erst einen Tag zuvor (13. Februar 2014) veröffentlichte die Wochenzeitung “ZEIT Online” ein sehr einseitiges Interview mit Sahra Wagenknecht, das dann von “Spiegel Online” aufgegriffen und nochmals verschärft wurde. Einen Tag danach, am 15.2.2014, ist dann FAZ mit dran mit einer Polemik gegen Sahra Wagenknecht, die von den dortigen Lesern in den Kommentaren mehrheitlich kritisiert wird. Am 16. Februar 2014 greift sogar der ansonsten für Objektivität stehende Deutschlandfunk die populistischen Argumente auf. Die durch solche Beiträge wahrlich konzertiert anmutende “Medienbarriere” gegen die Linke stimmt bedenklich.

Stilkritik

SZ-Artikel

  • Einseitigkeit: Bereits im Untertitel wird an den „berüchtigten Parteitag“ der Linken im Jahr 2012 erinnert. Danach zieht sich die eindeutig ablehnende Haltung der Autorin bis auf kleine Passagen durch den Artikel.
  • Ridikülisierung / Diffamierung: Der Artikel selbst beginnt mit folgender abwertender Beschreibung Kippings: „Manchmal wirkt sie wie von einem fernen Planeten, eine extraterrestrische Besucherin im Kosmos Politik, die ein Raumfahrzeug in der Welt der dunklen Anzüge abgesetzt hat.“ Dieser Anfang ist sinnbildlich für das, was folgt: Constanze von Bullion mag die Linke nicht und lässt sich am Beispiel von Frau Kipping über die Partei aus. Zur Beschreibung Kippings werden unter Anderem folgende Worte gewählt „Feuerroter Schopf, ebensolcher Geist“, „Dickschädel“, mit „schwer auftaubarem Gesicht“, „Frau auf der Hut“. Ihr früherer Berufswunsch, als Professorin arbeiten, wird gleichgesetzt mit einer Zukunft als „eine Art Caféhausgelehrte“. Weiter wirke Kipping wie „Rotkäppchen“ neben der „Rübezahlgestalt“ des Co-Vorsitzenden Bernd Riexinger. Kipping beschreibt sich selbst als „dialektisch denkenden Menschen“, nicht ohne dass diese Aussage dann durch von Bullion nochmals abwertend aufgegriffen wird: „Katja Kipping, diese Expertin fürs dialektische Denken“. Die Linke als Partei sei ihrerseits „zerrissen“ und es gäbe „Schützengräben“. Schließlich wird auch Sahra Wagenknecht nicht in ihrer Funktion als stellvertretende Fraktionsvorsitzende oder als wirtschaftspolitische Sprecherin ihrer Fraktion vorgestellt, sondern als „Euro-Kritikerin Sahra Wagenknecht“. Danach wird sie dann indirekt für die (sicherlich unglückliche) Formulierung einer Passage im Leitantrag zum Europawahlprogramm mitverantwortlich gemacht, von dem sie sich u.A. bereits bei „Markus Lanz“ distanziert hatte. Dass diese Passage zudem inzwischen bereits aus dem Leitantrag entfernt wurde, wird erst später erwähnt. Fälschlicherweise kolportiert von Bullion dann, dass Wagenknecht über das „Ende des Euro“ nachdenke, anstatt differenziert ihre Anregungen für einen „anderen“ Euro zu erwähnen (Zitat Wagenknecht: “So wie der Euro eingeführt wurde, funktioniert er nicht, sondern spaltet Europa.”). Der Partei wird zudem Ratlosigkeit unterstellt. „Europa soll jetzt positiver kommuniziert werden, irgendwie“.
  • Verstecken: Die Inhalte der Partei werden kaum objektiv vorgestellt und ihre Rolle als aktuell größte Oppositionspartei wird überhaupt nicht angesprochen.
  • Meinungsmache: Die ganze Aufmachung ist im Kontext einer generell überkritischen Darstellung der Partei „Die Linke“ zu sehen, die sich quer durch alle großen Medien zieht – und leider auch vor Leitmedien wie der SZ, der ZEIT oder dem Spiegel nicht halt macht. Zuletzt war das Interview zwischen Lanz und Wagenknecht das prominenteste Beispiel für die Kampagne gegen die Partei. Es ist enttäuschend zu sehen, dass das Qualitätsmedium SZ gerade in diesem Gesamtkontext nicht differenzierter berichtet.

ZEIT-Interview

  • Unterstellung: Lisa Caspari unterstellt den Linken Nationalismus: “Deswegen denkt die Linke im Europawahlkampf eher nationalistisch?” EIne andere Frage lautet suggestiv: “Die EU ist am Ende – ist das die einzige Botschaft der Linkspartei vor ihrem Europaparteitag?”

SPIEGEL-Online-Artikel

  • Unterstellung: Christina Hebel überschreibt einen Artikel mit den Worten “Wagenknecht fordert Abschaffung des Euro” und beruft sich dabei auf das o.g. ZEIT-Interview.
  • Weitere Kritik: Dass dieser Satz sich nicht aus dem Interview ableiten lässt, wird unter Anderem auf den Nachdenkseiten diskutiert.

FAZ-Artikel

Am 15.02.2014 schreibt dann auch die FAZ einen Artikel über Sahra Wagenknecht.

  • Verzerrung: Mithilfe der der Wechselwähler wird das Argument geschürt, dass auch schon im ZEIT-Interview angeführt wird: Die LINKE wird verzerrt als eine “linke AfD” dargestellt. Zitat: “Bei der Bundestagswahl im vorigen Jahr hat die Linke 340.000 Stimmen an die AfD verloren. Jetzt macht Sahra Wagenknecht der AfD Konkurrenz: Sie will die D-Mark zurück.”
  • Unterstellung: Und im selben Atemzug mit der Unterstellung wird Wagenknecht auch noch unterstellt, “sie will die D-Mark zurück”. Dass diese Aussage eigentlich nicht von Sahra Wagenknecht kommen kann, lässt sich im Parteiprogramm nachlesen, dass Autor Ralph Bollmann nur zwei Absätze weiter selbst zitiert: „Auch wenn die Europäische Währungsunion große Konstruktionsfehler enthält, tritt Die Linke nicht für ein Ende des Euro ein.“

Anregung

  • Meinungen auf die Meinungsseite: Artikel wie diese sind in Ordnung, wenn sie auf der Meinungsseite publiziert werden. Im Politikteil sollte von einem Leitmedium mehr Ausgeglichenheit zu erwarten sein.

  • Mehr Inhalt, weniger Person: Anstatt ausführlich auf persönliche Eigenschaften der Akteure einzugehen, sollte ein größerer Anteil der Berichterstattung auf eine inhaltliche Diskussion verwendet werden – und diese Diskussion sollte fair und differenziert geführt werden.

  • Konstruktive Kritik: Jakob Augstein schreibt im Freitag, was aus seiner Sicht die Linke tun müsste, um ihrer Rolle als größte Oppositionspartei gerecht zu werden. So kann konstruktive Kritik aussehen, wie man sie sich auch von den Leitmedien wie SZ, FAZ, Spiegel und ZEIT wünschen würde.
  • Ausführliche, differenzierte Analysen: Auch die sicherlich nicht linksextreme Wirtschaftszeitung Handelsblatt widmet Sahra Wagenknecht in der Wochenendausgabe vom 14./15./16. Februar 2014 ganze zehn Seiten. Die zwei ausführlichen Artikel sowie ein langes Interview (Printausgabe, aber auch online gegen Bezahlung) sind gleichermaßen “Linken” wie “Liberalen” und “Konservativen” zu empfehlen.

Weitere Informationen

  • Eine Reaktion auf den Spiegel-Artikel auf den Nachdenkseiten.
  • Eine Reaktion auf das Zeit-Interview findet sich beim Freitag.
  • Kritik an ZEIT-Herausgeber Josef Joffe durch Stefan Niggemeier: Einmal und ein zweites Mal.
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